Website-Relaunch nach 25 Jahren - Ein sehr persönlicher Rückblick
Manche Websites altern wie guter Wein, andere wie Milch. Und dann gibt es meine: Ein digitales Biotop, das irgendwo zwischen "Linkwüste der 90er" und "XHTML-Validierungs-Wahn der 2000er" steckengeblieben ist. Aber letzte Woche ist tatsächlich etwas passiert. Die Site ist neu - wirklich komplett überarbeitet. Und mein Partner in Crime war diesmal kein Editor, sondern Gemini. Neues Design entwerfen, Inhalte neu zusammenstellen, Portierung der alten Seiten auf das neue Design, ein wenig PHP, WordPress Template für den Blogbereich... alles (und das ist - für mich - relativ neu) nur noch lenkend, statt alles selbst zu erledigen.
Aber da es nicht immer so war und meine eigene Site 25 Jahre hinter sich hat, wollte ich hier einen persönlichen Rückblick hinterlassen. Keine Relevanz für meine Lieblingsthemen "Tagging" und "Analytics". Wenn Du es trotzdem lesen willst: Hier meine "Website-Story".
Archäologie im Quelltext: Der Stand der Dinge ("gestern")
Um zu verstehen, warum dieser Relaunch nötig war, muss man ein bisschen in der digitalen Mottenkiste wühlen. Meine Seite hat als klassische Linksammlung begonnen – ich habe also praktisch 2001 mein eigenes Mr. Wong betrieben (wer sich erinnern mag), bevor es sowas gab. Jemand im Kollegenkreis meinte "Du musst unbedingt Deine eigene Domain haben". Das fing so um 1998 an und erst 2001 habe ich dann - weil die "baersch.de" schon von einer Buchhandlung betrieben wurde - diese Domain hier registriert. Bei 1&1, dem damals gefühlten König der Hoster.
Newsgroups waren noch ein Thema und zumindest hatte meine Website - handgeklöppelt mit Notepad (Nein, kein "PlusPlus", das Ding von Windows) - kein Frameset, wie die meisten Sites zu dieser Zeit, sondern ein zusammenhängendes Layout. Aber freilich tabellenbasiert. Der älteste Schuss, den ich bei archive.org gefunden habe, ist dieses Ding hier:

2002 hatte ich erstmals was von CSS gehört und das Thema optisch aufgewertet (dachte ich damals zumindest), aber im Kern war hier eine dreistellige Anzahl an Links zu unterschiedlichen Themen in lauter Boxen in der "Sidebar", ohne Content zu haben.

Endlich Content!
Der erste richtige "Profi-Schub" kam 2007 mit dem Start meiner Selbstständigkeit. Auch damals war das Werkzeug der Wahl nicht VS Code oder PHPStorm, sondern nach wie vor Notepad. Jede Zeile handverlesenes, valides HTML (das war mir wichtig ;)). Tabellen-Layouts waren damit Geschichte. Ich war damals sogar so "tief" im Thema, dass ich mir ein eigenes kleines CSS-Framework geschrieben und in einigen Projekten über die Jahre wiederverwendet habe – stark inspiriert vom damals legendären "YAML" (Yet Another Multicolumn Layout).
Ich habe Stunden damit verbracht, Box-Modelle zu fixen und Browser-Weiche zu bauen. Kennt noch jemand MultipleIE, um den IE6 parallel zum IE7 laufen zu lassen? Oder browsershots.org, wo man Stunden auf einen Screenshot aus einem Linux-Browser wartete? Ich habe dabei extrem viel über HTML und CSS gelernt, aber ich vermisse diese Tools freilich so gar nicht mehr.

Der Fokus der Site lag damals auf Downloads, auch wenn die Linkliste noch existierte: Tools zum Aufräumen von HTML (Ironie, ick hör dir trapsen), Ordner-Synchronisation und Vorlagen zum Projektmanagement. Letztere haben interessanterweise bis heute überlebt, auch wenn sie thematisch mittlerweile eher ein Nischendasein fristen.
Exkurs: Ein Blog auf Abwegen (.NET vs. PHP)
Fast parallel dazu entstand blog.markus-baersch.de. Wer sich erinnert: Damals war WordPress noch nicht der alleinige Herrscher des Web-Universums. Ich setzte auf "dasBlog". Eine .NET-basierte Engine. Warum? Weil ich den Autor, Clemens Vasters, schon seit der Schulzeit kenne. Dass dieser später die Cloud-Architektur bei Microsoft mitprägen sollte, wusste ich damals freilich noch nicht, aber aus meiner Zeit bei Sage habe ich früh (ebenso dank Clemens) Kontakt zu .NET gehabt und fand es naheliegend, damit zu starten. Anderer Server allein aber schon deshalb, weil mein Shared Hosting Paket nichts mit .NET anfangen konnte. Damit bin ich auch lange Zeit gut gefahren. Generell hat sich aber an der Site nicht viel verändert. Hier die Startseite von 2015, wo zwar ganz früher mal Bilder statt der öden Farbverläufe zu sehen waren, aber im Kern stets unverändert seit 2007. Im Blog war übrigens damals das Thema "SSL Umstellung" aktuell ;).

Irgendwann gewann die Realität (und PHP) aber doch, und das Blog wich 2017 einer WordPress-Installation. Wir legten Domains zusammen, zogen von der Subdomain in den Unterordner /blog – aber der "Rest" der Seite, die eigentliche Homepage? Die blieb statisches HTML. Hartnäckig. Wie ein gallisches Dorf, nur ohne Zaubertrank, dafür aber längst mit einem sauberen Layout.
Die Tracking-Spielwiese
Seit vielen Jahren geht es auf dieser Website nun primär um Tagging und Analytics. Ich habe ein paar E-Books dazu geschrieben, die hier zu finden sind und im Blog stecken reichlich Beiträge zu Universal Analytics (ja, das ist noch aufzuräumen), GA4, Google Tag Manager, Matomo, Piwik PRO, Google Ads und anderen Themen aus dem Online Marketing. Mit Fokus auf Inhalt, weniger das Design 😉 Was die Seite aber optisch vielleicht vermissen ließ, hat sie unter der Haube für mich persönlich immer wettgemacht. Sie war mein Labor. Erst auch ohne Zustimmung, danach für viele Empfänger nur noch mit - aber ständig in Bewegung. Ei paar Highlights:
- Wer erinnert sich noch an Yahoo Web Analytics? Bevor Google alles dominierte, war das (als Nachfolger der legendären IndexTools) der Knaller. Man kam allerdings schwierig ran. Trotzdem lief das hier.
- Yandex.Metrica? Habe ich genutzt, bevor DSGVO ein Thema wurde. Heatmaps aus Russland – wilde Zeiten.
- Server-Side-Tracking: Consent wurde lange Zeit über die Core-Version von Piwik PRO eingeholt, aber tatsächlich nie im Browser direkt ausgespielt. Die Daten gingen immer über meinen eigenen Tracking-Endpunkt, an dem ich viele Experimente mit verschiedensten Tools vom Server aus gemacht habe.
- Hier liefen auch zahllose Experimente zu ITP und Cookie-Härtung, die mich und meine Blog-Leser über Jahre beschäftigt haben. Wer im Blogarchiv gräbt, findet dazu genug Material für einen ITP-Horrorfilm in Überlänge.
- Consent-Eigenbau: Seit Januar läuft hier übergangsweise ein eigenes Consent-Tool (Beta is a state of mind). Es tut, was es soll, wird aber sicher bald einer anderen Lösung weichen.
Endgegner "Mobile"
Doch so stolz ich auf mein eigenes Framework war – das mobile Zeitalter hat es gnadenlos überrollt. Der Versuch, 80+ statische HTML-Seiten per "Search & Replace" responsive zu machen, war... nennen wir es charakterbildend.

Es war eine reine CSS-Lösung, die technisch funktionierte, aber optisch immer aussah wie ein Unfall. Egal wie viele Breakpoints ich setzte, es fühlte sich nie richtig an. Und genau deshalb waren alle bisherigen Modernisierungsversuche auch immer im Sande verlaufen. Es brauchte einen radikalen Schnitt. Der hat allerdings noch auf sich warten lassen und nach zahlreichen Modernisierungsversuchen war etwa 2023 ein Stand wie dieser hier erreicht (Screenshot aus 2024).

Der Relaunch
Alles also nicht ideal. Nie. Aber solange es wichtigere Dinge gibt, schiebt man einen radikalen Schritt wie einen Neustart gern vor sich her. Und es gab und gibt stets was Besseres zu tun. Zum Glück. Nachdem ich allerdings vor einigen Wochen endlich begriffen habe, wie groß der Unterschied zwischen ai-assisted Coding (wo ich primär selbst Code schreibe, plane und in kleinen Einheiten sequenziell selbst "arbeite") und den inzwischen längst etablierten Verfahren ist, in denen der KI die Arbeit überlassen wird, habe ich mein eigenes Vorgehen stark angepasst. Ob es die Pflege oder der Ausbau eigener Tools ist, wo Features in Rekordzeit aus dem "wäre nett" Status zu "endlich umgesetzt" wechseln... oder eben (eigene) Websites.
Und genau so ist mehr oder weniger im Dialog mit Gemini der Relaunch geplant, mit Gemini CLI lokal umgesetzt und getestet worden. Ich habe nicht einfach "Mach mal schön" gesagt. Ich habe Vorstellungen an das Design, Strategie und die wilden Sonderlocken der Tracking-Konfiguration vorgegeben, Gemini hat den Code geschrubbt. Es ist faszinierend, wie schnell man vorankommt, wenn man einen Assistenten hat, der nicht über "Deprecated Tags" jammert, sondern sie einfach fixt. An einem Sonntag. Nicht nur die ersten 80%, sondern komplett.
Das Ergebnis seht ihr jetzt. Es ist immer noch meine Seite. Es sind immer noch meine Inhalte. Aber der Code darunter hat endlich das Jahr 2007 verlassen und ist in der Gegenwart angekommen. Das hätte ich "allein" auf keinen Fall in vergleichbarer Zeit geschafft und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden - für den Moment. Sollte ich alles ganz anders machen wollen: Es ist nicht mehr so schwierig wie 2001.. und das ist auch gut so.