Content Refresh: Wenn Altlasten im Blog zum Problem werden
Manchmal ist man einfach zu gut zum Verdrängen. Ich weiß nicht mehr, wie oft mein Co-Moderator Michael und ich in unserem Podcast gesagt haben: "Wenn Universal Analytics abgeschaltet wird, muss man seinen Content aufräumen. Veraltete Anleitungen schaden mehr als sie nutzen." Guter Tipp. Haben wir 2022 oder so gegeben. Umgesetzt habe ich ihn - naja - jetzt. Im April 2026. Fast drei Jahre nach dem Ende von UA.
Das schlechte Gewissen war immer da. An einem konkreten Donnerstagnachmittag hat es dann den entscheidenden Schubs bekommen: Beim Durchsehen der Logfile-Analyse mit Logalytrix fiel mir auf, wie viel veraltetes Zeug von Grounding-Bots besucht wird. Beiträge mit ga()-Aufrufen, analytics.js-Referenzen und "Datenansichten" - alles Dinge, die es seit Juli 2023 nicht mehr gibt. Wenn KI-Systeme diese Inhalte als Trainingsmaterial oder Grounding-Quelle nutzen, verbreiten sie Anleitungen für eine tote Plattform. Das wollte ich dann doch nicht auf mir sitzen lassen, schließlich habe ich das seinerzeit selbst als "Ehrensache" o. Ä. betitelt.
Dazu kam, dass der PII Datenschutz Check bei Analytrix ohnehin für GA4 aus ebenso aktuellem Anlass, der mir in einem Kundenprojekt in die Quere gekommen ist, neu gebaut werden musste. Also brauchte auch der alte Beitrag zu PII in Analytics hier im Blog (aus dem März 2018, räusper) ein Update. Und dann ist irgendwie alles andere auch noch dazu gekommen.
Ehrlicherweise ("Letterkenny" Fans können dieses Wort übrigens nicht mehr normal denken oder aussprechen) muss ich gestehen, dass ich mich "allein" nach dem Update des PII-Posts vermutlich wieder aus der Verantwortung gestohlen hätte. Mit einem LLM als Partner habe ich mir aber zugetraut, zumindest die Identifikation der "prosaischen Schulden" gezielt anzugehen. Wie schon beim Relaunch der Website habe ich daher mit Claude an dieser Aufgabe zusammengearbeitet.
Die Ausgangslage
274 zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Posts, viele aus der "Analytics"-Kategorie, davon 131 mit irgendeinem UA-Bezug. Das reicht von Posts, die komplett um Universal Analytics kreisen, bis zu beiläufigen Erwähnungen von "Google Analytics" in einem ansonsten tool-agnostischen Kontext. Triage Schritt 1: Ein Python-Script gegen den SQL-Dump der Datenbank hat die Kandidaten identifiziert und nach Schweregrad sortiert, ohne die WP API allzusehr zu beanspruchen.
Das ist passiert: 50 + 1
In drei Tagen wurden 50 bestehende Posts überarbeitet und ein neuer Post veröffentlicht. Das verteilt sich so:
Komplett neu geschrieben
Die härtesten Fälle. Hier war der gesamte Inhalt so tief in UA verwurzelt, dass punktuelle Korrekturen nicht gereicht hätten.
Die Measurement Protocol Serie - fünf Beiträge aus 2015, komplett auf das GA4 Measurement Protocol umgeschrieben, denn das Thema finde ich nach wie vor relevant. Nur waren die Inhalte leider nicht mehr zeitgemäß. Also alles anpassen, neue Screenshots (wo es ging, bei IFTTT musste ich Abstriche machen und betreibe den Spaß auch selbst nicht mehr aktiv). Nun wieder nützlich:
- Überblick und Anwendung
- Praxistipps und Einsatzmöglichkeiten
- Transaktionen stornieren per Refund-Event
- Dem Googlebot zuschauen
- LifeLogging mit IFTTT
Vor allem der Tipp zum Stornieren von Transaktionen war durch die vollkommen abweichende Natur des Verfahrens bei UA vollkommen nutzlos, während Refunds per GA4MP für viele längst umgesetzte Realität ist. Wo das Measurement Protocol doch ohnehin so eingeschränkt ist um Vergleich zum Vorgänger, wollte ich wenigstens die paar Anwendungsfälle retten. Noch mehr zu Ändern gab es allerdings im nächsten Block:
Die Tracking-ohne-Consent-Reihe aus 2019 - alle vier grundlegend überarbeitet, weil die alten UA-Basteleien durch Consent Mode, Enhanced Conversions und GA4 MP abgelöst wurden und auch der Datenschutz das Thema inzwischen freilich deutlich beeinflusst hat. Zum Zeitpunkt der Erstellung noch unklare Aspekte zu Cookies & Co. sind inzwischen geregelt, ePrivacy > TTDSG > TDDDG... alles bereits passiert. Daher war auch hier einiges an Anpassung nötig:
- Herausforderungen des Trackings ohne Consent
- Cookieloses Tracking mit Google Analytics
- Serverseitiges Tracking mit Google Analytics
- Serverseitiges Google Ads Conversiontracking
Besonders "gelitten" hat das serverseitige Ads Conversion Tracking, denn die alten Beispiele mit Fake-HTTP-Requests aus WP Plugins und andere Scherze sind spätestens seit Consent Mode nicht mehr "Grauzone", sondern klar unhaltbar - und im Ads System ohne Betrug, was die Consent Mode Flags angeht, auch nicht mehr zu verwenden. Also weg damit, der Rest ist dadurch aber nicht gleich mit in die Tonne zu kloppen.
Dazu wurden die Migrations-Posts - von UA-spezifisch auf tool-neutral umgeschrieben: Analytics-Tool Migration und Analytics-Tool wechseln. Denn das sind nach wie vor relevante Dinge. Toolwechsel passieren ständig und gelegentlich auch in Wellen, wenn sich bei einem Anbieter die Rahmenbedingungen ändern, wie es gerade bei Piwik PRO passiert.
Inhaltlich aktualisiert
Code modernisiert, veraltete Abschnitte umformuliert, aber der Kern des Beitrags blieb jeweils erhalten, weil die Themen nicht irrelevant geworden sind - nur die Beschreibungen waren leider nicht mehr zeitgemäß und daher auch nur noch bedingt hilfreich. Einige Beispiele:
- Nutzer-Timings - von UA-Timing-Hits auf GA4-Event-Parameter umgebaut. Das Verfahren (Checkout-Dauer messen via GTM) funktioniert identisch, nur der letzte Schritt sieht anders aus. Auch das Template existiert noch und ich setze es immer noch zur Vermessung von Checkouts ein
- Seitenaufrufe in GA4: Titel oder Pfad? - GA4 bietet mittlerweile "Seitenpfad und Bildschirmklasse" und "Seitenpfad und Abfragestring" als separate Dimensionen, was das Thema zwar entschärft hat im Gegensatz zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung, aber nicht irrelevant macht. Kardinalität, Parameterbehandlung und Drift im Seitentitel durch Übersetzungen im Browser sind immer noch echte Probleme in vielen Analytics-Properties
- Exit Intent messen - ga('send', 'event', ...) raus, dataLayer.push rein, den alten addEvent-Polyfill durch ein simples addEventListener ersetzt. Und ja: Das ist ein Quickie und nach der Aktualisierung nur noch kürzer. Brauche ich sowas jeden Tag? Nein. Aber der Sinn eines Blogposts ist manchmal nur eine Antwort auf eine Frage. Ich habe dieses Ding eher aus Sentimentalität erhalten, denn Infos wie diese sind längst nicht mehr auf einen Blogpost angewiesen. Sei's drum
- Daten löschen in Google Analytics, Datenschutzkonformes Conversion Tracking, Erkennung rendernder Bots, Eigene Clients und Tags für den GTM Tag-Server und einige mehr waren schlichtweg alt. Zu alt, um nicht an einigen Stellen verwirrend zu sein. Ich habe dabei nicht alles neu geschrieben und Screenshots altern nun mal, wenn sich UIs ändern, aber der verbleibende und überarbeitete Inhalt macht nach wie vor seinen Job. Punktuell habe ich Links zu späteren Posts beigefügt, die das Thema tiefer behandeln, als es zum Zeitpunkt der Erstellung der alten Posts möglich war, aber im Kern sind diese noch das, was sie vorher waren.
Historisch gekennzeichnet
Weitere 20+ Posts, die als "Zeitdokument" wertvoll bleiben (meint: ich wollte mich nicht von diesen Assets trennen, auch wenn sie keine konkrete Hilfe mehr leisten können), aber nicht mehr als aktuelle Anleitung taugen. Jeder hat einen Hinweis-Block am Anfang bekommen, der einordnet, wann und warum der Beitrag entstanden ist - und wo man heute aktuelle Informationen findet. Damit dienen sie zumindest noch als Verteiler und ich muss nicht alles wegwerfen. Mir anzusehen, wie man in Universal Analytics gewichtete Sortierung im UI nutzen konnte, ist für mich mehr als reine Nostalgie: Es bleibt eine Mahnung, wie unvollständig GA4 im Vergleich dazu heute noch an einigen Stellen ist.
Es gibt auch "Klassiker" wie Absprungraten über 100 Prozent (ein UA-Konzept, das in GA4 komplett anders funktioniert), diverse Spam-und-Bot-Posts und eine ganze Reihe älterer Beiträge mit "Datenansicht"-Referenzen - einem Konzept, das es in GA4 schlicht nicht mehr gibt.
Bewusst unverändert
Nicht jeder UA-Treffer ist ein Problem. Rund 80 Posts blieben unverändert - darunter GA4-Posts, die UA nur als historischen Vergleich heranziehen, und Fälle, bei denen der "Scanner" anhand von Suchbegriffen Fehlalarm geschlagen hat.
Neuer Content / Republishing
Nicht alles war zu retten, sollte aber auch nicht unbedingt "weg". Der alte Beitrag zum Scrolltracking in Google Analytics, in dem ich noch gefeiert habe, wie man das in Analytics (in der Ursprungsversion sogar noch vor Universal) Scrolltracking einrichtet, per JS und mit direktem Tracking, ohne GTM - weil das damals meistens genau so ging! -, ist noch erhalten geblieben. Er verweist nun aber auf einen neuen Beitrag Warum Scrolltracking selten der richtige Weg zur Antwort ist. Der neue Post, der als Gegenstück zum uralten Scroll-Tracking-Beitrag von 2012 entstanden ist, ist Tool-agnostisch und erklärt das, was ich sonst ständig im Beratungsverlauf erzähle: Scrolltracking ist fast immer unnötig. Im Post wird daher auf das auch nicht mehr taufrische "Content Engagement" aus meinem YT-Workshop und vor allem visuelle Tools wie Clarity verwiesen.
Nicht neu, sondern als einziger der überarbeiteten Posts mit einem neuen Datum "frisch einsortiert", ist nur der kostenlose PII Datenschutz Check. Weil das Tool wie oben angegeben wieder gebraucht wurde, aber seit dem Wegfall von Universal Analytics nicht mehr existierte. Nun ist es wieder da: Analytrix PII-Check.
Witzigste Fundstelle
Als in einem der Proposals stand, dass ich "Data Studio" im Beitrag in "Looker Studio" umbenennen solle, musste ich beim Lesen laut lachen. Denn der Post war alt genug, um gerade wieder richtig zu sein: Google hatte sich genau einen Tag vorher dazu entschlossen, aus "Looker Studio" wieder "Data Studio" - und damit den alten Namen wieder zum neuen - zu machen 😉 In diesem Fall werde ich aber noch ein paar Tage warten, bevor ich diese einfache Umbenennung per Search & Replace in der Datenbank durchführe. Auch bei "Adwords" vs. "Google Ads" waren wir mit unserer Agenturseite glaube ich die letzten, die das Wording auf der Website umgestellt haben. Aber schön zu sehen, dass es bei Google nichts Wichtigeres gibt, als Dinge umzubenennen. Morgen werden "Schlüsselereignisse" vermutlich wieder "Ziele" heißen - oder dazwischen nochmal kurz "Conversions".
Und nun?
Die ganze Arbeit an einem Wochenende durchzubekommen, ist selbst mit LLM-Unterstützung immer noch ein Brocken. Ich habe mir "Proposals" zur Anpassung für alle betroffenen Dokumente gemacht und dann einen Teil direkt in WP angepasst, andere nach Abstimmung blockweise direkt von Claude aktualisieren lassen. Dabei sind dann gleich neue und alte Typos entfernt worden. Es war also vielleicht das erste Mal, dass ich mir Lektorat und Korrektorat für meine Posts geleistet habe ;). Vor allem bei der Kennzeichnung der "Zeitzeugen" in meinem Blog habe ich selbst hingegen kaum Text selbst erstellt. Wir haben entschieden, welche Posts sinnvoll als Ersatz in den Hinweisen verlinkt werden sollen, alles andere geht deutlich schneller per API als manuell. Deshalb ist auch eine ganze Menge geschafft worden in insgesamt sieben Sessions, die ungefähr 16-20 Stunden zwischen Donnerstag und Sonntag in Anspruch genommen haben. Bei der Anzahl summieren sich nun mal auch Kleinigkeiten - und man muss den ganzen Schmus auch lesen, bevor man ihn anpassen kann.
Wer jetzt denkt "das hätte man auch über drei Jahre verteilen können" - ja. Hätte man. Aber manchmal braucht es eben den richtigen Auslöser, von denen ich diesmal gleich zwei hatte - und mit Claude auch eine Ausrede weniger, das Thema endlich anzugehen. Das Ergebnis ist sicher noch nicht perfekt und es schlummern noch ein paar UA-Bomben im Blog, aber ab jetzt kann ich diese Altlast endlich aus dem Hinterkopf verbannen. Und mit dem Finger auf andere zeigen, die ihren Content auch mal dringend überarbeiten sollten! Nur Spaß. Jeder, der heute noch einen Blog betreibt, statt alles bei Reddit zu posten, verdient Besseres als Kritik an der Pflege seiner Altlasten.